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Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg
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Käthe Kollwitz – Ernst Barlach
Begegnung

Plastik, Zeichnung, Grafik

Käthe Kollwitz und Ernst Barlach sind weltweit bekannte Künstlerpersönlichkeiten, die nicht nur oft in einem Atemzug genannt, miteinander verglichen und verwandt dargestellt, sondern nicht selten auch miteinander verwechselt werden. Das mag daran liegen, dass ihre Werke auf den ersten Blick viel Gemeinsames aufweisen. Auch auf ihre Lebenswege trifft das zu, etwa im Hinblick auf die Studienaufenthalte in Paris und Florenz, den gemeinsamen Verleger und Kunsthändler Paul Cassirer, zeitgleiche Beteiligungen an den Berliner Ausstellungen ebenso wie die Bearbeitung gleicher Themen, im besonderen die Verarbeitung des 1. Weltkrieges in den zwanziger Jahren. Beide beschäftigten sich mit der Zeichnung, der Druckgrafik und der Skulptur. Es gab Begegnungen und besondere Aufmerksamkeit zwischen ihnen, aber keine direkte und aktive persönliche Freundschaft. Die Ausstellung wird bei aller Nähe zwischen diesen beiden Künstlern vor allem zeigen, wie unterschiedlich deren geistige Positionen waren: wie sie, Käthe Kollwitz, stets aus einem zutiefst weiblichen, der Welt zugewandten Blick arbeitete, während er, Ernst Barlach, unter dem Zustand der Welt leidend, sein Werk in einen metaphysischen, aus der Welt herausblickenden Zusammenhang stellte.

Käthe Kollwitz wird 1867 in Königsberg geboren. Die Eltern ermöglichen ihr 1885 den Eintritt in die Berliner Künstlerinnenschule und damit die Hinwendung zum künstlerischen Beruf, was für Frauen in dieser Zeit ungewöhnlich war. 1891 heiratet sie Dr. Karl Kollwitz, der sich als Armenarzt in Berlin niederlässt. Angeregt durch den sozialistischen Vater, verstärkt durch die Berührung mit der Not und dem Elend der armen und unterpriviligierten Bevölkerung in der Praxis ihres Mannes und reflektiert in der Lektüre von Zola und Hauptmann entwickelt Käthe Kollwitz tiefes Mitgefühl und die engagierte und couragierte Ausdruckskraft ihrer Bildsprache. Aus einer starken persönlichen Anteilnahme heraus summiert sie die Positionen des Unrechts in beinahe naturalistischer Darstellungsweise. Es entstehen die Radierfolgen „Ein Weberaufstand“ und „Bauernkrieg“. Keine konkrete Utopie, kein kommunistisches Manifest geistert durch ihr Werk, sondern der prägnante Wille, das Elend der Schwachen sichtbar zu machen und Partei für sie zu ergreifen.

Durch den frühen Tod einer ihrer beiden Söhne im 1. Weltkrieg wird Leid und Tod auf tragische Weise Bestandteil ihres eigenen Lebens und bestimmt fortan ihre künstlerische Entwicklung. Die Darstellungen werden individueller, wenden sich mehr dem einzelnen zu und tragen bisweilen auch symbolistische Züge. Eine besondere Stellung in ihrem Werk nimmt die Dyade Mutter-Kind ein. Wie in der Großplastik „Mutter mit Zwillingen“ eindrucksvoll dargestellt, legt eine Mutter ihre starken Arme wie eine Festung um zwei schutzlose Kinder, umfasst sie mit mächtigen Beinen und neigt ihren Oberkörper und Kopf über sie. Hermetisch werden sie abgeschirmt vor der Bedrohung einer rohen brutalen Umwelt. Wie in vielen anderen Darstellungen auch verweist Käthe Kollwitz einerseits auf die natürliche Urkraft der Frau als Basis der menschlichen Gesellschaft und attackiert gleichzeitig die neuen Machthaber im nationalsozialistischen Deutschland. Die haben die Botschaft der "entarteten" Künstlerin verstanden und entgegnen: "Im Dritten Reich haben die Mütter es nicht nötig, ihre Kinder zu schützen, das tut für sie der Staat." Als 1938 Ernst Barlach stirbt, fertigt Käthe Kollwitz das Relief "Klage", ein Selbstportrait, das, mehr noch als den Verlust des Künstlerkollegen, den Untergang einer humanen Kultur in Deutschland beklagt.

Ernst Barlach wird 1870 in Wedel bei Hamburg geboren. Er absolviert 1891 bis 1895 ein Studium der Bildhauerei an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Dresden. Erst 1906 durch eine Reise nach Russland aber findet Barlach zu dem ihm eigenen und unverwechselbaren Stil, der auch seinen künstlerischen Durchbruch begründet. Es ist bemerkenswert, dass es ausgerechnet die Begegnung mit dem unermesslichen Elend des russischen Proletariats ist, die in ihm die Suche nach der existentiellen Grunddisposition des Menschen freisetzt. Die frühen Bettler, die er nach hunderten in Russland entstandenen Skizzen fertigt, sind Apologeten tiefsten Menschseins. Bar jeder verlogenen gesellschaftlichen Absicherung führen sie die reine menschliche Existenz vor, sind sie Heilige in der sich immer mehr zum Vordergründigen und Materiellen entwickelnden Welt. Auch wenn Ernst Barlach nie müde wurde, das Unheil dieser Welt zum Ausgangspunkt seiner künstlerischen Arbeit zu machen und ihm besonders im Zusammenhang mit der Trauerarbeit nach dem 1. Weltkrieg Gestalt zu geben, so sind doch diese Gestalten keine Kämpfer im Hier und Jetzt, sondern Gottsucher, Wahrheitsverkünder, deren visionäre Kraft in einen metaphysischen Raum sich ergießt. Die großen Holzschnittzyklen „Der Findling“, „Der Kopf“, die „Wandlungen Gottes“ und „An die Freude“ zeugen ebenso davon wie der eindrucksvoll lithographierte eigene dramatische Text „Der tote Tag“. Mutter, Vater und Sohn sind bei Barlach geradezu mythologische Figuren, die zwischen Fabel- und Traumwesen jenseits der realen Welt angesiedelt sind. Auch seine Skulpturen von den frühen Bettlern bis zum späten Zweifler, vom „Tod im Leben“ zur „Piéta“, zur tanzenden, weinenden oder ekstatischen Frau, ob das „Grauen“ oder die „Mutter Erde“, sie alle verweigern sich einer vordergründigen Welt.

Wie auf Barlach selbst trifft auch auf Käthe Kollwitz zu, was der blinde Kule im Drama „Der Tote Tag“ resümiert: „Sieh, meine Augen, das waren zwei Spinnen, die saßen im Netz ihrer Höhlen und fingen die Bilder der Welt, die hinein fielen, fingen sie und genossen ihre Süße und Lust. Aber je mehr kamen, um so mehr wurden ihrer, die waren saftig vor Bitterkeit und fett von Gräßlichkeit und endlich ertrugen die Augen nicht mehr solche Bitterkeiten, da haben sie den Eingang zugewoben, saßen drinnen, hungerten lieber und starben.“

Die Ausstellung „Käthe Kollwitz – Ernst Barlach - Begegnung“ umfasst etwa 20 plastische und 100 graphische Arbeiten beider Künstler und ist ab 2004 verfügbar. Darin enthalten sind alle Transportleistungen, Rahmungen, Sockel, Texttafeln, Beschriftungen und Versicherungen. Die Kosten richten sich nach Umfang, Laufzeit und Transportleistung.
 
Käthe Kollwitz
Der Tod tröstet
1921-23


Käthe Kollwitz
Die Witwe
II.Fassung
1916


Käthe Kollwitz
Gedenkblatt für Karl Liebknecht
1920


Käthe Kollwitz
Pieta`
1903


Käthe Kollwitz
Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden
1941/42


Käthe Kollwitz
Losbruch
1902


Käthe Kollwitz
Aufruhr
III.Zustand
mit roter Tonplatte gedruckt
1899


Käthe Kollwitz
Aus vielen Wunden blutest Du, o Volk
1896


Käthe Kollwitz
Plakat gegen den Paragraphen 218
1924


Käthe Kollwitz
Vater
1932


Käthe Kollwitz
Frau mit totem Kind
1905


Käthe Kollwitz
Liebespaar
II. Fassung
1913


Käthe Kollwitz
Gretchen
1899


Käthe Kollwitz
Das Opfer
1922/23


Käthe Kollwitz
Die Überlebenden
1923




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